Zu spät!

Zu spät!

 

Vorgänge vor Gottes Richterthron

 

Von Pastor Ernst Modersohn

 

So könnte eines Tages dein Gespräch mit deinem Richter, Jesus Christus, ausfallen. Oder hast du ihn als Anwalt?

In der Bibel, Offenbarung 20,11-15 steht geschrieben:

 

Und ich sah einen großen weißen Stuhl, und den, der darauf saß; vor des Angesicht floh die Erde und der Himmel, und ihnen ward keine Stätte gefunden. Und ich sah die Toten, beide, Groß und Klein, stehen vor Gott, und Bücher wurden aufgetan. Und ein anderes Buch ward aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach der Schrift in den Büchern, nach ihren Werken. Und das Meer gab die Toten, die darin waren, und der Tod und die Hölle gaben die Toten, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeglicher nach seinen Werken. Und der Tod und die Hölle wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der andere Tod. Und so jemand nicht ward gefunden geschrieben in dem Buch des Lebens, der ward geworfen in den feurigen Pfuhl.

 

Es ist ein tief innerer Zug des Menschenherzens, sich nicht nur mit dem Alltäglichen und Materiellen zu begnügen, sondern den Schleier der Zukunft zu lüften und in das Geheimnisvolle zu blicken.

 

Nachstehendes ist ein Versuch, das zu bringen und so darzustellen, wie es einst am Tage der Abrechnung Gottes mit der Menschheit aller Wahrscheinlichkeit nach vor sich gehen wird. Enttäuschungen und Enthüllungen wird es geben, von deren Wirklichkeit und Wucht heute kaum jemand auch nur im Entferntesten eine Vorstellung hat. Hier Anhaltspunkte zu geben, das ist der Zweck dieser Ausführungen.

 

Vor dem Thron des Weltenrichters steht eine unzählbare Schar. Menschen aller Generationen und Völker harren des Gerichts. Wunderbare Wesen, Engeln gleich, gehen durch die Reihen und nehmen eine Sichtung vor. Sie stellen sie in Gruppen zusammen. Menschenaugen vermögen nicht zu erkennen, nach welchen Kennzeichen diese Sichtung vorgenommen wird. Rasch und sicher werden die einen hierhin, die andern dorthin gebracht.

 

In einer Gruppe gibt es lauten Protest gegen diese Ordnung. Es ist die Gruppe der Mörder. - „Ich gehöre hier nicht her!“ - „Ich bin kein Mörder!“, so schallt es aus den Reihen. Aber sie können ihren Platz nicht verlassen. Und dann wird einer nach dem andern vorgeführt.

 

„Ich bin kein Mörder! Ich habe nie einem Menschen etwas zuleide getan!“ - So ruft der erste aus, ohne die Anklage abzuwarten, die gegen ihn erhoben werden soll.

 

„Du bist kein Mörder?“ antwortet der Richter. „Dann muss ich Deinem Gedächtnis ein wenig zu Hilfe kommen.“ Er winkt mit der Hand und ein Engel schlägt ein großes Buch auf, wo das Schuldkonto des Mannes verzeichnet steht. Dann liest er eine Geschichte vor. Es ist schon lange her, dass sie sich zugetragen hat. Jahre und Jahrzehnte sind darüber vergangen.

 

In der Stadt lebte ein junges Mädchen aus guter Familie. Um ihre Hand bewarb sich ein junger Mann. Aber er hatte keinen guten Ruf, darum lehnte sie seine Werbung ab. Das empörte ihn, und er rächte sich dadurch, dass er ein gemeines Gerede über das achtbare junge Mädchen erfand und verbreitete. Es war kein wahres Wort daran. Aber einer erzählte es dem andern. Es ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt. „Haben Sie schon gehört?“ -„Wissen Sie schon, was die gemacht hat?“ Und nun wurde die Ehre des jungen Mädchens in den Schmutz gezogen.

 

Das hörte das Mädchen, sie wagte sich gar nicht mehr unter die Leute. Sie saß in ihrem Stübchen und grübelte und grübelte, bis sich ihr Geist umnachtete. Und eines Abends ging sie ins Wasser und ertränkte sich. –

 

Diese Geschichte wird vorgebracht. Und dann fragt der Richter: „Besinnst Du Dich auf diese Geschichte?“ Der Mann vor dem Thron bejaht. Dabei zittern ihm die Knie.

 

„Hast Du nicht auch geklatscht und mitverleumdet, wie die andern auch?“ –

 

„Ja, das habe ich, aber“ –

 

„Wer hat das arme Kind in den Tod getrieben? Bist Du es nicht gewesen, Du und Deine Kameraden, die so eifrig waren, dieses verleumderische Gerede zu verbreiten? Du hast sie morden helfen... Hast Du etwas dagegen zu sagen?“ –

 

Mit bebenden Lippen spricht der Mann: „Nein.“ –

 

„Schuldig des Mordes, der Beihilfe zum Mord!“ lautet das Urteil.

 

Der Mann wird abgeführt. -

 

Ein anderer wird vor den Thron gestellt. Auch hier wieder dieselbe Entrüstung wie bei dem ersten.

 

„Du legst Verwahrung dagegen ein, ein Mörder zu sein, nicht wahr?“ -

 

„Allerdings. So etwas ist mir nie in den Sinn gekommen. Ich bin immer ein anständiger Mensch gewesen.“ –

 

„Wir werden sehen!“ -

 

Ein Wink und ein anderer Mann wird vor den Thron gerufen. „Kennst Du diesen Mann?“ –

 

„Ich erinnere mich nicht.“ –

 

„Sieh ihn Dir einmal genau an. Du musst ihn kennen.“

 

„Ja, jetzt fange ich an, mich zu erinnern.“ –

 

„Nun, was weißt Du von ihm?“ –

 

„Wenn ich mich nicht irre, ist dieser Mann eines Tages zu mir gekommen und hat mich gebeten, ihm etwas Milch zu geben.“ –

 

„Ganz recht. Weißt Du auch, was er sagte?“-

 

„Er sagte, er habe die Milch so nötig für seine kleinen Kinder, die so elend seien. Er könne nirgends etwas bekommen, ob ich mich nicht erbarmen wolle.“

 

„Sieh, Du erinnerst Dich ganz gut. Dann wirst Du auch noch wissen, was Du geantwortet hast. Besinne Dich einmal.“ –

 

„Ja, es fällt mir wieder ein. Ich habe gesagt, ich hätte keine Milch übrig, die müssten die Schweine haben.“ -

 

„Ganz recht, so hast Du gesagt. Und so hast Du nicht einmal gesagt, sondern öfters. Und wie der Mann Dich auch gebeten hat, Du hast ihn abgewiesen. Nicht wahr, das gibst Du zu?“ –

 

„Ja, das gebe ich zu. Es ging aber nicht anders. Wie hätte ich sonst die Schweine durchbringen sollen?“

 

„Ja, freilich, das war Deine Sorge. Weißt Du, was aus den elenden Kindern geworden ist?“ –

 

„Nein, das weiß ich nicht.“ –

 

„Dann sollst Du es hören. Sie sind gestorben; an Unterernährung gestorben. Du hättest sie am Leben erhalten können. Du hast es vorgezogen, Deine Schweine mit der Milch zu füttern. Ob kleine Kinder deswegen sterben, das war Dir einerlei. Wer hat den Tod der Kinder auf dem Gewissen?“ –

 

Wehegeheul auf diese Frage. –

 

„Schuldig des Mordes“, lautet das Urteil. Und der Verurteilte wird abgeführt.

 

Schon steht ein Dritter vor dem Thron. Ein Herr, der zu den „besseren Kreisen“ gehörte. Er empfindet es offenbar wie eine Beleidigung, dass er unter die Schar der Mörder gestellt worden ist.

 

„Ich weiß gar nicht, wie ich hierher komme“, sagt er. „Wie man mich unter die Mörder stellen konnte. Das muss ein Missverständnis sein. Ich finde das sehr unrecht, mich so zu behandeln.“

 

„Du warst Jurist, nicht wahr?“ –

 

„Jawohl, das war ich, und darum bitte ich um eine standesgemäße Behandlung.“

 

„Freund, Dir geschieht kein Unrecht. Hier waltet das unantastbare Recht.“ –

 

„Aber ich bin doch kein Mörder! Wie kann man mich da als einen solchen bezeichnen?“ –

 

„Schweige und höre! Es war in Deiner Jugendzeit. Du warst Student. Erinnerst Du Dich dieser Zeit?“ -

 

„O ja, sehr genau.“ -

 

„Deine Hauswirtin hatte eine Tochter, die gefiel Dir. Ich sehe, Du erinnerst Dich.“ –

 

„Ja, ich erinnere mich.“

 

Aber der Ton, mit dem diese Worte gesprochen werden, klingt ganz anders, als die selbstgewissen Reden vorher.

 

„Nun, dann wirst Du Dich auch wohl an jenen Abend erinnern, als Du aus dem Kreis Deiner Kameraden heimkamst und warst nicht mehr ganz nüchtern. Weißt Du noch, was da geschehen ist?“ –

 

„Nur dunkel steht es mir vor der Seele.“ –

 

„Da hast Du dem Mädchen seine Ehre und seine Unschuld geraubt. Und da hat sie den Gashahn aufgedreht und sich vergiftet.“ –

 

„Darum hat sie das getan?“

 

„Ja, darum. Du hast nicht wieder daran gedacht. Du hast Dich gefreut, dass dieser Unglücksfall so bald eintrat, um die Folgen Deiner Sünde zu verbergen. Nun hat Deine Sünde Dich gefunden. Du hast sie gemordet.“

 

Der Mann erwiderte kein Wort. Seine Knie wanken. Er muss mehr getragen als geführt werden. Hinter ihm her tönt das Urteil: „Schuldig des Mordes.“

 

Aber die Reihe ist noch nicht erschöpft …

 

Jetzt tritt ein Mann vor den Thron, das Haupt im Bewusstsein seiner Ehrbarkeit und Unschuld hoch erhoben. Wer kann ihm denn auch etwas nachsagen?!

 

„Was ist aus Deiner Tochter Marie geworden?“ –

 

Daran hat der Mann nicht gedacht. Auf diese Frage war er nicht gefasst. –

 

„Meine Tochter Marie?“, wiederholt er. –

 

„Jawohl, aus Deiner Tochter Marie.“

 

„Die ist leider gestrandet. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Sie ist für mich verschollen. Sie hat ein böses Leben geführt.“ –

 

„Wie ist denn das gekommen, dass sie diesen Weg betrat?“, fragt die Stimme des Richters.

 

„Ja, wie ist das gekommen? Ich weiß es nicht. Ich habe meine Kinder alle ordentlich und streng erzogen. Ich weiß nicht, warum diese so aus der Art geschlagen ist.“

 

„Du weißt es nicht? Dann muss ich Deinem Gedächtnis wohl etwas aufhelfen. Besinnst Du Dich noch, wie die Marie in die Bibelstunde gehen wollte?“ -

 

„Ach ja, das weiß ich noch.“

 

„Was hast Du damals gesagt?“ –

 

„Nun, ich habe ihr das verboten. Ich wollte nicht, dass in meiner Familie die Muckerei einreißen sollte.“ –

 

„Und als sie doch gehen wollte, da hast Du sie geschlagen, nicht wahr?“ –

 

„Jawohl, das habe ich getan. Das war doch mein gutes Recht als Vater?“

 

„Und da hast Du ihr den Gedanken richtig ausgeprügelt, das ist wahr. In die Bibelstunde ist sie nun nicht gegangen. Aber in die Welt ist sie gegangen. Und Du selber hast sie in die Welt eingeführt. Und da ist sie zu Fall gekommen. In einer Tanznacht. Und dann hast Du sie aus dem Haus getrieben und gerufen: ‚Für so eine ist hier kein Raum. Wir sind anständige Leute!‘ Nicht wahr, das weißt Du noch?“

 

„Ich weiß es noch,“ lautete die zitternde Antwort.

 

„Und dann ist Deine Marie zugrunde gegangen, zertreten im Kot der Straße. Nach Leib und Seele gestorben und verdorben. Wer hat sie auf den Weg des Verderbens gebracht? Du schweigst? Gib Antwort: Wer hat sie auf den Weg des Verderbens gebracht? Wer hat sie gehindert, den Weg der Nachfolge Jesu zu gehen?“

 

Der Richter machte eine Pause. Wehklagend kommt die Antwort: „Ich bin‘s gewesen!“

 

„Ja, Du bist‘s gewesen, Du hast Deine Marie nicht nur leiblich umgebracht, Du hast auch ihre Seele gemordet. Du hast eine besondere Strafe erwirkt - Einen Mühlstein her!“

 

Und geschäftige Engel bringen einen Mühlstein geschleppt. „Wer einen meiner Geringsten zu Fall bringt, dem wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist. Fort mit Dir!“

 

Jetzt steht eine Frau vor dem Thron. Sie erscheint im Witwenschleier.

 

„Du bist Witwe?“ –

 

„Ach ja, ich habe meinen Mann verloren.“ –

 

„Wie ist er denn gestorben?“ –

 

„Er ist im Krieg gefallen.“ –

 

„Warst Du irgendwie an seinem Tod schuldig?“ –

 

„Ich? Ich war doch nicht mit im Krieg!“ –

 

„Nein, das warst Du nicht. Aber wie war es vor dem Krieg? Habt Ihr Euch immer gut verstanden?“

 

„Das haben wir.“ –

 

„Immer?“ –

 

„Nun, zuweilen gab es wohl eine kleine Unstimmigkeit, wie wohl in jeder Ehe.“

 

„Woher kamen diese kleinen Unstimmigkeiten?“ –

 

„Ach, ich war etwas eifersüchtig.“ –

 

„War dazu Grund vorhanden?“ –

 

„Wohl nicht, aber ich bildete mir ein, dass mein Mann eine Verwandte gern sähe.“ –

 

„Konntest Du ihm irgendetwas nachsagen?“

 

„Das konnte ich nicht. Aber ich hatte den Eindruck, dass er sich freute, wenn sie mal zu Besuch kam.“ –

 

„Und da warst Du eifersüchtig? Das sprachst Du auch aus gegen ihn, nicht wahr?“-

 

„Zuweilen ja.“

 

„War nicht gerade auch so eine Eifersuchtsszene gewesen, als die Mobilmachung kam?“ –

 

„Ja, das wird wohl so gewesen sein.“ –

 

„Und sagtest Du da nicht in Deinem Unmut zu ihm: Wenn Du doch nie wiederkämst!“ –

 

„Ach ja, das werde ich wohl gesagt haben.“ –

 

„Wünschtest Du ihm da nicht den Tod?“ -

 

„So ein Wort sagt man so dahin.“

 

„Aber im Herzen denkt man das auch, was der Mund ausspricht. Im Herzen hattest Du doch den Gedanken, den Dein Mund aussprach, das kannst Du doch wohl nicht in Abrede stellen. Weißt Du, dass vor Gott auch schon der Gedanke wie eine Tat gilt? Weißt Du, dass der Herr das Herz ansieht? In Deinem Herzen bist Du eine – Mörderin. Du hast Deinen Mann nicht gemordet mit der Tat; aber in Gedanken. Du hast einst in der Schule gelernt: Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger. Das Wort verurteilt Dich.“ –

 

Die Verurteilte sinkt zusammen. Ein Engel tritt herzu und führt sie fort.

 

Ein Ehepaar wird aufgerufen.

 

„Wo sind eure Kinder?“, so werden sie gefragt. -

 

„Unsere Kinder? Wir hatten nur einen Sohn und den verloren wir im Kriege. Wir haben furchtbar darunter gelitten. Er war unsere einzige Hoffnung. Aber mehr Kinder hatten wir nicht.“

 

„Allerdings, euer Sohn musste euch bei dem großen Morden genommen werden; denn ihr habt das Leben von drei anderen Kindern auf dem Gewissen!“ –

 

„O Himmel, das muss eine Verwechslung sein! Nein, barmherziger Gott, wir hatten doch weiter keine Kinder, und nun sollen wir solche noch sogar umgebracht haben?“, schreit die Frau entsetzt auf.

 

„Und es ist dennoch so: An euren Händen klebt Menschenblut! – Vier kleine Wesen habe ich euch anvertraut, aber ihr wolltet keine Kinder haben. Es war euch zu viel Arbeit. Ihr sagtet freilich, es wäre zu teuer und ging über die Verhältnisse, vier Kinder zu ernähren. Aber ihr wolltet das Leben genießen. Darum habt ihr euch ihrer zu entledigen gesucht. Drei habt ihr gemordet, noch ehe sie geboren waren. - Sprecht: War es nicht so?“

 

„Ja, wenn - das Sünde war... Das wussten wir nicht“, stammelt jetzt der Mann, der vor Entsetzen nichts weiter herausbringt. –

 

„Was?“ dröhnt die Frage des Weltenrichters, „Ihr wollt nicht gewusst haben, dass die Abtreibung und das bewusste Töten des keimenden menschlichen Lebens Mord ist? Sucht Euch nicht zu entschuldigen, Ihr habt es doch gewusst! Verschiedentlich habt Ihr beide darüber gesprochen, als Euer Karl im Krieg fiel. - Weißt Du nicht mehr, Max Dolzig, wie Deine Frau Dir damals Vorwürfe machte, dass Du sie einst unter Todesgefahr dazu verleitet hattest, auf so grausame Weise unschuldiges Leben zu vernichten? Aber Du wolltest Dich nicht beherrschen und Deiner Sinnlichkeit Zügel anlegen. Hättest Du aufrichtig gebetet, Du hättest Kraft empfangen, Herr Deiner Leidenschaft zu werden. Aber das tatest Du nicht und wolltest Du nicht! - Ich wollte Euch Kinder anvertrauen, die die Stütze und Freude in Eurem Alter sein sollten - Ihr habt sie vernichtet. Zwei Kinder waren bestimmt, Missionare zu werden und Großes auf Erden zu vollbringen und zum Heil der ganzen Familie da zu sein. - Und was habt Ihr gemacht? Ihr habt diese Retter vor der Zeit ermordet...“ –

 

Bewusstlos brechen beide bei diesen Worten zusammen.

 

Kaum ist diese Szene vorbei, da stürzt eine Frau wie verzweifelt vor den Thron, wirft sich nieder und schreit mit weinender Stimme:

 

„Erbarmung! Erbarmung! Ich bin eine Mörderin! Ich habe meine beiden Kinder umgebracht! Ich bin schuld! Ich bin schuld...!“ –

 

Freundlich wird die Ärmste aufgerichtet von den Engeln, die ihr zusprechen, jetzt stille zu sein, es würde alles genau untersucht.

 

Das Konto ihres Lebens wird aufgeschlagen und verlesen. In ihrer Jugend, so heißt es da, war sie ein frommes Mädchen. Später heiratete sie einen ungläubigen Mann und lebte mit ihm in unglücklicher Ehe. Er war roh, misshandelte sie oftmals, trank und trieb sich mit andern Frauen umher. So war sie gezwungen, ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder selbst zu verdienen, weil sie keine Mittel bekam. Kümmerlich schlug sie sich durch, wurde übernervös und verfiel mit der Zeit dem Verfolgungswahn. Sie setzte sich in den Kopf, ihr Mann und die Kinder wollten sie vergiften. Diese Idee steigerte sich so weit, dass sie in einer Nacht beide Kinder erdrosselte und dann fortlief. Nach zwei Tagen wurde sie völlig erschöpft und entkräftet von der Polizei aufgefunden. Bald darauf aber starb sie, ohne vorher zu Verstand gekommen zu sein, in der Irrenanstalt.

 

Jetzt - drüben im Jenseits - sah sie ihre Tat klar vor sich; denn nach Ablegen des irdischen Körpers mit seinen Leiden und Gebrechen ist der Geist frei und unbehindert. Darum klagt sie sich an und ruft: „Ich weiß, ich habe die Hölle verdient; denn ich habe einen doppelten Mord verübt.“

 

„Grethe Wandow!“ so erschallt die gewaltige Stimme Gottes. „Es war ein Irrgeist, der Deinen Verstand umnachtete und dich in Verzweiflung trieb bis hin zum Mord.“

 

„Wie konnte es aber nur dazu kommen, mich so weit zu bringen? Ich liebte doch meine Kinder über alles?“ –

 

„Das sollst Du hören! - Erinnerst Du Dich noch Deiner Jugendzeit?“ –

 

„Ja, es steht alles klar vor meinem Geist.“ -

 

„Weißt Du noch, wie Du anfingst, Deinen Heiland zu lieben, und wie Du dabei froh und glücklich wurdest?“ –

 

„Ja, ich weiß es, es war damals die schönste Zeit meines Lebens, als ich wirklich fromm war.“

 

„Ganz recht! Ich hatte Dir ein Stück des ewigen Heiligen Geistes meiner Liebe in Herz und Seele gelegt, weil Du ehrlich warst und mich wahrhaft suchtest. Aber was hast Du später mit diesem Funken meines göttlichen Lebens gemacht? - Den hast Du ausgelöscht und umgebracht! - Der Heiratsantrag eines gottlosen Mannes war Dir mehr wert als das göttliche Leben, das ich Dir anvertraut hatte. Gläubige sandte ich zu Dir, Dich zu warnen vor diesem Mann, der Dich leiblich und seelisch zugrunde richten würde. Du hörtest nicht auf sie. - Du kanntest genau mein Wort, das vor solcher Verbindung zwischen Gläubigen und Ungläubigen warnt. Auch Dein Gewissen strafte Dich hierüber. Alles vergeblich, Du tatest nach deinem Kopf und fragtest nicht danach, den göttlichen Samen meines Wortes und Wesens in Deiner Brust langsam zu töten. So hast Du gemordet und Dich an göttlichem Leben in Dir vergriffen, um das Du einst flehtest, und das ich Dir gab. Du hast eigenmächtig Deine göttliche Berufung und Bestimmung für dieses und das ewige Leben verachtet, ja mit Füßen getreten. Daher hatten die dämonischen Mächte ein Recht an Deinen Körper und Geist und durften Dich quälen. So wurdest Du besessen und in diesem Zustand an Deiner eigenen Familie vor aller Welt zur Mörderin. - Empfange jetzt, was deine Taten wert sind...“

 

Wieder steht ein Mann vor dem Thron. –

 

„Deine Sache steht sehr ernst!“ -

 

„Sehr ernst? Aber ich bin doch kein Mörder gewesen!“ –

 

„Meinst Du nicht? Ich will Dir zeigen, dass Du ein ganz besonders schlimmer gewesen bist. Ja, Leiber hast Du nicht gemordet, aber Seelen! - Wie viele Seelen sind um Deiner falschen Predigt willen verloren gegangen! Du hast auf der Kanzel die Glaubwürdigkeit der Bibel angetastet. Du hast die Wunder der Bibel lächerlich gemacht, Du hast den Sohn Gottes für einen Zimmermannssohn erklärt. Du hast die Seelen, die Du hättest retten und gewinnen sollen, im Unglauben bestärkt. Du hast Blutschulden auf Dein Gewissen geladen. Es gibt für Dich keine Entschuldigung, denn Du hattest eine Bibel und gingst von Amtswegen damit um.

 

Auch an Zeugnissen der Wahrheit hat es Dir nicht gefehlt. Es gab eine Gemeinschaft an Deinem Ort. Aber die hast Du bekämpft und als Sektierer gebrandmarkt. Man hat Dich besucht und gebeten, auch das Heil Deiner Seele zu bedenken. Du hast die Besucher hinausgewiesen. Du bist ein blinder Blindenleiter gewesen. Deine Verantwortung ist riesengroß.

 

Es gibt einen unteren Ort in der Hölle. Dahin kommen die Massenmörder, die Seelenmörder. Da wirst Du dem Wehegeschrei derer zuhören können, die verloren gegangen sind durch Deine Schuld...! Fort mir Dir!“

 

Und wieder kommen Seelen vor den Thron und wieder. So geht es pausenlos weiter.

 

Wirst Du auch einmal unter denen dastehen, die als Mörder gerichtet werden?

 

Mit freundlicher Genehmigung des Missionswerks „Die Wegbereiter“,

 

Kürnbacher Str. 25, D-75038 Oberderdingen-Flehingen, Tel. 07258-7464

 

Fordern Sie dort ein Verzeichnis oder Sortiment der sehr guten Traktate an…

 

Auszug aus: DER SCHMALE WEG Nr. 3 / 2017

 

http://l-gassmann.de/der-schmale-weg

 

Unveränderter Abdruck mit Quellenangabe erlaubt.